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Die Auswirkungen der Erweiterung des KW Kaunertal auf das Ötztal als Kajakrevier

Im Kaunertal kann man nicht Kajak fahren, wo ist eigentlich dieses Platzertal und warum sollte euch als Kajakfahrer:innen das überhaupt interessieren? Ganz einfach – alle geplanten Wasserausleitungen für die Erweiterung des Kaunertalkraftwerkes kommen aus dem Einzugsgebiet der Ötztaler Ache. All das Wasser also, dass diesen riesigen neuen Speichersee (42 Millionen Kubikmeter Nutzinhalt) im Platzertal füllen sollen, fehlt in der Ötz. (1) Der Großteil der Venter Ache und die komplette Ötztaler Ache werden zu Restwassergerinnen; ihnen wird der Großteil des natürlichen Abflusses entzogen – genauer genommen 80% bzw. bis zu 80m³/s. Das Restwasser im Flussbett der Venter, Gurgler und damit auch Ötztaler Ache wird dann nur noch eine sehr schwache Version der mächtigen Tages- und Jahreszeitlichen Schwankungen haben, die die Flüsse so besonders machen. (1) Was das im Detail bedeutet, haben wir im Folgenden für euch zusammen gefasst.

Venter Ache

Es ist geplant, 80% des Wassers der Venter Ache auszuleiten – bis zu 50m³/s ((2), Abschnitt 1.4.2.1). Der 25m hohe Staudamm zur Wasserfassung würde direkt im Abschnitt ‚Obere Venter Ache‘ gebaut werden, etwas unterhalb des Einstiegs. ‚Obere Venter Ache‘, die Heiligkreuzschlucht und die ‚Untere Venter Ache‘ würden also ausgeleitet. Alle drei Abschnitte brauchen einerseits die hohen Wasserstände des Sommers, um von Holz, Muren und Lawinen freigespült zu werden. Andererseits benötigt man auf Grund des Flusscharakters auf allen drei Abschnitten verlässliche Wasserstände ohne starke Schwankungen (z.B. durch häufige Gewitter im Sommer). Aus diesen Gründen werden die Abschnitte normalerweise hauptsächlich im Spätsommer und Herbst befahren, dies wird in Zukunft nicht mehr möglich sein.

Ötztaler Ache

Die Ötztaler Ache wird durch die Ausleitungen des KW Kaunertal bis zu 80m³/s weniger Wasser führen. Noch trockener wird es auf den Abschnitten unterhalb von Längenfeld (Mittlere Ötz, Köfelser Strecke, Wellerbrücke, Untere Ötz) – dort werden in Zukunft zusätzlich noch knapp 9m³/s für das Kraftwerk Sellrain-Silz ausgeleitet. (2)

Es wird argumentiert, dass das Ötztal auch nach der Erweiterung des KW Kaunertals als Kajakrevier erhalten bliebe – da die jeweiligen Abschnitte nur zu anderen Jahreszeiten befahrbar würden. Dem müssen wir ganz klar widersprechen. Die Argumentation geht ungefähr so: Strecken die beim aktuellen / natürlichen Abflussregime nur im Herbst fahrbar sind und in den Sommermonaten zu viel Wasser führen, könnten nach den Ableitungen dafür in den Sommermonaten befahren werden. Leider hinkt diese Argumentation gewaltig – und zwar aus folgenden Gründen:

Zu wenig Wasser

Wenn 80m³/s Wasser in der Ötztaler Ache fehlen, bzw. wenn sie nur 20% ihres natürlichen Abflusses führt, und zusätzlich noch die Seitenbäche, die bei Längenfeld münden ausgeleitet werden (bis zu 8,7m³/s) dann führt die Ötz die meiste Zeit des Jahres zu wenig Wasser für die meisten Strecken – auch im Sommer. In den Herbstmonaten wird es mit den Ausleitungen auf keinem Abschnitt der Venter und Ötztaler Ache fahrbare Pegel geben. Gerade im Herbst ist aber das Ötztal das beliebteste Reiseziel für Kajaker:innen in Mitteleuropa – da es eines der einzigen Kajakreviere ist, das verlässliche Wasserstände im Herbst bietet.

Schlechte Planbarkeit

Die Pegel der Venter und Ötztaler Ache sind einerseits von der Stärke der Sonneneinstrahlung auf die Gletscher abhängig und andererseits natürlich von Niederschlägen. Die höchsten Wasserstände werden also im Sommer an Tagen erreicht, an denen Schnee- und Gletscherschmelze mit Niederschlägen zusammen fallen. Im September und Oktober sind die Wasserstände sehr gut langfristig voraussehbar, da es typischerweise nur wenige starke Niederschlagsereignisse gibt und es in der Höhe schon recht kalt ist – was das Ötztal zu einem beliebten Reiseziel für Kajaker:innen im Herbst macht. Im Sommer hingegen reagieren die Pegel deutlich sensibler auf das Wetter – auf Schwankungen der Strahlung (durch Bewölkung) und Temperatur, sowie Niederschläge, die im Sommer häufig auftreten und lokal recht stark ausfallen können (z.B. durch Gewitter). Da nach den Ausleitungen für das KW Kaunertal überhaupt nur noch fahrbare Wasserstände im Sommer erreicht werden, wird es deutlich schwieriger vorherzusehen, welche Wasserstände man in einer bestimmten Woche antreffen wird. Urlaubsaufenthalte im Ötztal werden schwer planbar und das Ötztal als Reiseziel für Kajaker:innen weniger interessant.

Uninteressante Pegel

Kajakreviere sind nicht primär interessant, nur weil ein Fluss fahrbar ist. Die Niederwassergrenzen sind die untere Grenze der Fahrbarkeit. Die Ötztaler Ache wird auch mit den Ausleitungen noch tageweise fahrbare Pegel bieten – das sind aber nicht die Bedingungen, die das Ötztal so beliebt und bekannt machen und den Großteil der Kajaker:innen und insbesondere die Profis anziehen. Für starke Bootfahrer:innen bietet die Ötztaler Ache im Sommer offenes Wuchtwasser und schwierige Abschnitte im Bereich WW IV – V. Sie ist in Mitteleuropa einer der einzigen Flüsse, der mit dieser Verlässlichkeit derartiges Wildwasser bietet. In Zukunft wird es solche Sommer-Pegel aber nur noch sehr selten geben und Befahrungen werden schwierig zu planen sein.

Mangelnde Vielfalt

Was das Ötztal ausmacht und es zu einem der wichtigsten und populärsten Kajakreviere in ganz Europa macht ist seine Vielfältigkeit und die Wassersicherheit von Frühjahr bis Herbst. Nirgendwo sonst in Europa findet man so verlässlich paddelbare Wasserstände fast ganzjährig vor, nirgendwo sonst gibt gibt es 10 verschiedene paddelbare Abschnitte im Schwierigkeitsgrad von WW I -V in einem Tal. Die Abflusskurven variieren im Jahres- wie im Tagesverlauf so sehr, dass selbst ein und der selbe Abschnitt zu verschiedenen Jahreszeiten und manchmal binnen Stunden einen völlig anderen Charakter und / oder Schwierigkeitsgrad hat. Diese Vielfältigkeit macht das Ötztal je nach Jahreszeit zu einem gut geeigneten Ziel für Gruppen- und Vereinsausfahrten, für Kajakkurse und Familienurlaube, für Anfänger und die Weltelite. Mit dem Ausbau des KW Kaunertals wird das Ötztal im Herbst keine paddelbaren Wasserstände mehr bieten und im Frühjahr und Sommer deutlich weniger Paddeltage und keinerlei Vielfalt mehr bieten.

Im Ötztal kann man paddeln lernen – und zum Profi werden. Nicht umsonst ist die weltberühmte Wellerbrückenstrecke Heimat der Extremkajakweltmeisterschaft, nicht umsonst hat ein beträchtlicher Anteil der Weltelite im Extremkajak die Region zur Wahlheimat erkoren. Selbst wenn einige wenige Abschnitte der Ötztaler Ache zu bestimmten Jahreszeiten oder tageweise erhalten blieben – die Attraktivität des Ötztals liegt für Kajakfahrer in der Auswahl und Vielfältigkeit der zu befahrenden Abschnitte sowie der Wassersicherheit im Herbst. All das wäre mit den Ausleitungen nicht mehr gegeben und das Tal verliert damit seine Attraktivität für den Kajaktourismus. Helft uns dieses Kulturgut für Kajakfahrer:innen zu erhalten!

Quellen und Links

(1) TIWAG- Tiroler Wasserkraft AG, Innsbruck; Ausbau Kraftwerk Kaunertal – Stellungnahme der Landesumweltanwaltschaft gemäß § 5 Abs 4 UVP-G 2000, 2012

(2) Berufung gegen den Feststellungsbescheid der Tiroler Landesregierung bezüglich des Vorhabens „Wasserkraftanlage Ötztaler Ache, Tumpen – Habichen“, 2013

(3) TIWAG Website: Ausbau KW Kaunertal

(4) Pegeldaten: Hydrographischer Dienst Tirol

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